Donnerstag, 23 Oktober, 2014 10:55 AM

Reisebericht der Musikethnologin Dr. Edda Brandes von einer Tagung in Algerien


 

 

 

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Ab in die Wüste – zu den Studientagen „Anthropologie und Musik“ nach Béni Abbès, Algerien

Dr. Edda Brandes, Mai 2013

Ein Wiedersehen nach 30 Jahren – sollte mir das mit der Familie Lebgaa in Timimoun vergönnt sein? So war mein Plan, seit ich die Einladung des Centre National de Recherches Préhistoriques, Anthropologiques et Historiques (CNRPAH) in Algier zur Tagung über die oralen Traditionen des Landes angenommen hatte.

Der Empfang in Algier war herzlich, alle Stationen der Reise bestens organisiert: Algier-Béchar-Béni Abbès. In dieser Oasenstadt aus dem 11. Jahrhundert, erbaut auf einem Felsplateau in der Saoura-Region und umgeben von großen Sanddünen des westlichen Großen Erg, stand das weiträumige Hotel im sudanesischen Stil der Westsahara. Ab sofort war es belebt von fast 100 Konferenzteilnehmern, darunter WissenschaftlerInnen und MusikerInnen mehrerer Generationen: „Altväter“ der musikologischen Feldforschung, amtierende Professoren internationaler Universitäten (Algerien, Sudan, Tunesien, Kanada, Frankreich, Deutschland) und StudentInnen der algerischen Hochschulen und Der Blick vom Balkon des Hotels RYM, Béni Abbés, Foto: Dr. Edda BrandesKonservatorien.

Uns alle einte der Wunsch nach Austausch über und Antworten zu den drängenden Fragen, die die UNESCO mit der Konvention zum Schutz und Erhalt oraler Traditionen vor zehn Jahren aufgeworfen hatte: Methoden und Techniken ethnomusikologischer Feldarbeit, die Musik der fünf Regionen des Gastgeberlandes Algerien, die Weitergabe der vom Aussterben bedrohten musikalischen Genres wie dem Ahellil, das sind die tausende von Jahren alten religiösen Gesänge der Zénète in Timimoun und Umgebung, der Einfluss „moderner“ Musikinstrumente auf überlieferte Musik der Tuareg im Süden des Landes, die Erneuerung der Boudjlima-Musik in der Kabylei.

In der Rückschau war es eine Woche, deren Programm leicht auf einen Monat hätte verteilt sein können. Die Panels mit den Vorträgen wurden abgelöst von Film-Präsentationen, den Workshops zur Technik der Kommunikation im Feld folgten extra Angebote für die StudentInnen zum Erstellen einer Monographie oder zur Organologie der Musikinstrumente.

Interview mit den Akteuren des rituellen Hadra, der "Anwesenheit Gottes", Foto: Dr. Edda BrandesIn großer Gemeinschaft wurden alle Mahlzeiten eingenommen und boten Gelegenheit, zahlreiche informelle Gespräche zu führen und bestimmte Sachverhalte und Kenntnisse voneinander zu vertiefen. Gegen 18:00 Uhr waren die Round Table und Debatten zu Ende, die in klimatisierten Räumen stattfanden und von technischer Seite hoch professionell begleitet wurden (analog neben digital, VHS neben DVD, Powerpoint neben Photographie etc.) – ein Dank den Mitarbeitern, die alle Probleme lösen konnten!

Draußen war es nun angenehm, die Sonne verschwand langsam hinter der großen orangefarbenen Düne. Wir konnten uns beim Tee unter den großen Zelten im Hof entspannen, Kostproben einheimischer Speisen zu uns nehmen, die ausgebreiteten Heilkräuter der Region studieren.

Nach dem Abendessen unter den Zelten fanden sich die Gruppen der MusikerInnen, TänzerInnen und Instrumentalisten in der Mitte des Platzes ein: Männer aus Beni Abbès, die den Gewehrtanz Barud aufführten, hatten uns am ersten Tag begrüßt; aus dem weit entfernten Tindouf an der Grenze zu Marokko und Mauretanien war Kheira mit ihrer Gruppe angereist, sie tanzten den Dhlim zur Tanz Mâyâ aus Béni Abbés, Foto: Dr. Edda BrandesKesseltrommel und den Gesängen in ihrer arabischen Sprache, dem Hassaniya; Tbal, Rasma, Hadra, Haydus, Hubi, Diwan und noch mehr Namen für die bewegenden, oft religiösen, mitunter humor- oder sehnsuchtsvollen Darbietungen klangen in unseren Ohren.

Wir nahmen auf und machten Interviews, bewegte Bilder, Töne und Gespräche in vielen Dialekten und Sprachen lagen nun in unserem ethnomusikologischen Fundus. Schon das Interesse, ja die Begeisterung der Konferenzteilnehmer motivierte die Akteure und triebt sie zu tänzerischen, musikalischen und gesanglichen Hochleistungen an. Es fehlt ihnen allerdings der Nachwuchs, weshalb Teile des Repertoires mit dem Tod ihrer Träger unwiederbringlich verloren sind.

Gibt diese Konferenz, geben die Anstrengungen des algerischen Staates zur Rettung, Dokumentation und Bewahrung des musikalischen Erbes mithilfe von Festivals und Wettbewerben, mit finanzieller Unterstützung und der Begleitung von wissenschaftlichen Forschungen den oralen Traditionen eine Überlebenschance?

Auch bei einem optimistischen JA bleibt zu fragen: Wie verändern sich die Ausdrucksformen unter dem Druck der Präsentation vor Publikum und der Globalisierung der Kulturen der Welt? Durch Elektrifizierung und visuelle Verbreitung per Youtube? Durch Aufnahme „moderner“ Musikinstrumente und Homogenisierung für eine neugierige Weltgemeinschaft?

Meine "Schwestern" beim Anschauen der Photos von vor 30 Jahren, Foto: Dr. Edda BrandesIch bekam die Gelegenheit, unter Polizeischutz meine Reise nach Timimoun fortzusetzen. Algerien leidet wie alle Anrainerstaaten unter der Krise in Mali und ist deshalb derzeit hoch militarisiert. Das Wiedersehen mit „meiner“ Familie, die mich bei meinen Forschungen im Gourara vor 30 Jahren so gastfreundlich beherbergt hat, war wunderbar! Die Erinnerungen mischten sich mit Erzählungen aus demLeben jedes einzelnen während der vergangenen Zeit – zu einem Mosaik aus freud- und leidvollen Erfahrungen und dem Glück, sich wieder gefunden zu haben.