Donnerstag, 23 Oktober, 2014 10:59 AM

Geplante Themen dieser Reihe:

- Medizin in Europa
- Bücher und Copyright
- Goethe und der Orient
- Die Orgel
-Der Wechsel
- Gewürze
- Sprache und Sprüche
- Die hohe Schule der Architektur

und andere



 

Ex oriente lux – Europa und die arabische Welt

Dieser kleine Vortrag wurde von Claus Groß, Publizist und Historiker, als Einführung in die gleichnamige Vortragsreihe der DAFG – Deutsch-Arabische Freundschaftsgesellschaft e.V. am 10.09.2012 in Berlin gehalten.

Die Spurensuche, auf die sich die DAFG e.V. mit ihren Gästen begeben wird, will dazu beitragen, dass sich das Wissen um die geistigen Wurzeln unseres Kontinents vertieft und auf diese Weise einen Beitrag zur Klärung scheinbar kultureller Gegensätze leistet. Die Vielfalt und Fülle der vorgefundenen kulturellen Äußerungen zwingen mich zunächst zu einer definitorischen Abgrenzung:

  1. War es eine arabische Kultur? ja und nein. Arabisch waren Schrift und Sprachen dieser Epoche, arabisch waren einige Dynastien und ein marginaler Teil der Oberschicht. Träger der Kultur waren im Wesentlichen Romanen, Perser, Goten, Araber, Berber, Griechen.

  2. Kann man sie islamisch nennen? Sicher mit größerem Recht. Der Islam war die tragende Idee der Zeit, aber Christen und Juden haben gleichberechtigt mitgewirkt.

Vielleicht hat Goethe in seinem West-Östlichen Diwan recht, wenn er diese Epoche als orientalisch empfindet: „… herrlich ist der Orient übers Mittelmeer gedrungen, nur wer Hafis kennt, weiß, was Calderon gesungen ...“

Bevor wir uns dem gemeinsamen Kulturraum von Orient und Okzident, dem Mittelmeer, – die Römer nannten es mare nostrum - zuwenden, ist dazu ein Vorwort als Standortbestimmung aus meiner Sicht notwendig. Manche nennen das Mittelmeer heute das „geteilte Meer“, durchaus in seiner doppelten Bedeutung: Teilen kann man einerseits etwas mit jemandem, also Gemeinsamkeit herstellen. Teilen kann man andererseits auch etwas, um die Teile voneinander zu trennen.

Unser Orientbild in Europa ist polemisch zugespitzt oder romantisch verklärt. Sachkenntnis blitzt selten auf, dagegen ist es kontaminiert mit Klischees oder schlichtweg falschen Behauptungen. Manche Medien spielen dabei eine eher unrühmliche Rolle. Der Durchschnittsbürger verlangt wohl nach einem Bild, das Vorurteile bestätigt und zugleich den Geschmack nach Sensationen befriedigt. In der Medienwissen-schaft nennt man dies „Krisotainment“.

Wir schauen abschätzig, gelegentlich unsicher, oftmals maßlos überheblich und zugleich mit wachsender Besorgnis auf den Teil der Menschheit, der seit geraumer Zeit von sich reden macht. Viele selbsternannte „Spezialisten“ drängeln, sich gegenseitig rempelnd, an die Öffentlichkeitsrampe, um am entscheidenden Kampf um die Lufthoheit über Stammtischen teilzunehmen. Ein Arzt würde schnell einen schweren und pathologischen Fall von Logorhoe oder gar incontinentia verbalis diagnostizieren.

Bei diesem komplexen Thema gilt es zunächst, die weit verbreitete selbstgefällige Arroganz aufzubrechen und sich auf eine differenzierte Betrachtungsweise einzulassen. Vorurteile dienen der Abwehr unangenehmer Einsichten und dem Schutz vor schmerzenden Realitäten. Durch solche möglichst undifferenzierten Projektionen wird von eigenen Defiziten abgelenkt. Und das dient der Selbstidealisierung. Wer aber nicht bereit ist, sich in die Reflexion über die eigene Vorurteilsbereitschaft einzulassen, ist bei diesen und ähnlichen Themen fehl am Platze. Warum verstehen wir im so genannten Westen insbesondere die arabischen Gesellschaften so schwer?

Hierzu ein Zitat des Philosophen Epiktet: “Nicht die äußeren Verhältnisse sind es, die uns das Leben erschweren, sondern die Denkmuster und Ideen, die jeder auf seine Weise in sich trägt.“

In den orientalischen Ländern ist der Islam Staatsreligion, welcher Provenienz auch immer. Allen religiösen Minderheiten sind, dem Koran gemäß, volle Rechte zuerkannt. Die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen sind kapitalistisch, feudalistisch oder sozialistisch. Die derzeitigen Bürgerkriege und die unübersichtlich erscheinende Vielfalt der religiösen und ethnischen Gruppen beweisen den Fortbestand der traditionellen Muster, in denen Clans und Familienverbände die tribalen Gesellschafts-ordnungen prägen.

Die herrschende Klientel- oder Stammesgesellschaft geht auf vorislamische Zeiten zurück. Erst Mohamed brachte ihnen den Monotheismus, aus dem eine Weltreligion wurde. Seine Absicht war es, die Loyalität zum Stamm durch den Islam, die Unterordnung unter den Willen des einzigen Gottes, der nichts seinesgleichen hat, zu ersetzen. Alle drei großen Weltreligionen stammen aus dem Orient und beten zum selben Gott. Er heißt nur unterschiedlich. Alle drei beanspruchen für sich den selben Stammvater: Abraham. Juden und Christen sind entgegen landläufigen Klischees keine Ungläubigen. Der Religionsentwurf Mohammeds war zu seiner Zeit eine gesellschaftliche Revolution, er verstand sich als Reformator jüdischen und christlichen Gedankengutes. Aus tribal organisierten Nomaden sollte eine urbane und zivile Gesellschaft entstehen.

Nur durch Expansion konnte die Umma, d.h. die Gemeinschaft der Gläubigen, zusammengehalten werden. Die nahöstliche Welt ist durch den Islam und die arabische Expansion politisch zwar neu gestaltet worden, das komplexe institutionelle und kulturelle Erbe der vorislamischen Zeit jedoch blieb weitgehend erhalten.

In Europa hat es durch Renaissance, Reformation, Humanismus und Aufklärung eine völlig andere Entwicklung gegeben. Es entstanden pluralistische Gesellschaften. Länder, die ihre alten Ordnungen beibehalten haben, wurden so zu „Entwicklungsländern“, zu Ländern also, die sich auf die in Europa und Amerika so „erfolgreiche“ Ordnung hin entwickelten oder zu entwickeln hatten. Die Frage nach dem „ Fortschritt“, den andere nicht zuwege gebracht hatten, geht jedoch immer von einem eurozentristischen Weltbild aus, in dem Europa und seine Lebensform das Maß aller Dinge sind.

Historisch und global gesehen ist aber die europäisch-amerikanische Lebensform eine Novität und noch immer die Ausnahme. In entwicklungspolitischen Sonntagsreden über das Schicksal der Dritten Welt wird immer wieder gefordert, dass die anderen Gesellschaften ihre Systeme so reformieren müssen, dass durchrationalisierte und „demokratische“ Gesellschaften zu mehr Menschenwürde führen, man jedoch die jeweilige kulturelle Identität bewahren solle. Das aber schließt sich grundsätzlich aus.

Unserer Industriearbeit liegt nämlich eine gesellschaftliche Entwicklung zugrunde, die sich im Orient nie durchgesetzt hat und die es so auch nicht geben wird. Solche hypertrophen Forderungen kommen aus einer Haltung, die eine Überlegenheit der abendländischen Kultur a priori als gegeben annimmt. Das Konzept des „ Fortschrittes“ ist daher immer ein europäisches. Fortschritt in unserem Sinne bedeutet für viele Orientalen eine Loslösung von den Urzeiten des Islam, also von der Zeit Mohammads, und – horribile dictu! – von der eigenen Geschichte.

Unsere demokratisch-pluralistische Gesellschaftsform hat sich deshalb als so erfolgreich erwiesen, weil sie die Weltwirtschaft beherrscht und andere Volkswirtschaften von sich abhängig gemacht hat. Aber im Orient ist westliche Ethik nur schwer umsetzbar. Koptische, orthodoxe und armenische Christen leben weitgehend nach demselben Gesellschaftsmuster wie die Muslime.

Seit jeher wurde überall auf unserem Globus das Leben von religiösen und familienorientierten Normen bestimmt. In Europa suchte eine Minderheit von Intellektuellen den „ Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und führte Europa in das Zeitalter der Vernunft.

Im Geiste der zumindest im Mittelalter herrschenden „convivencia de los tres religiones“ soll Sie eine Definition von Kurt Tucholski auf dieser Spurensuche begleiten:

„Toleranz ist der Verdacht, dass der Andere Recht hat.“

Für alle Interessenten an der Vortragsreihe sei auf die Terminankündigungen der DAFG e.V. hingewiesen.


 

Abu Bakr Muhammad ibn Zakariya al Razi

 

Der Mediziner, Musiktehoretiker und Philosoph Abu Bakr Muhammad ibn Zakariya al Razi, geb. um 864, gest. 925, der als erster den Unterschied zwischen Pocken und Masern erkannte. Er benutzte bereits Gipsverbände, um Knochenbrüche zu schienen.

 

 

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