Donnerstag, 23 Oktober, 2014 10:59 AM

Bücher und mehr

Hier erfahren Sie mehr über die neusten Bücher arabischer Autoren oder Bücher zu Themen rund um die arabische Welt sowie Wissenswertes aus den Bereichen Literatur und Sprache.


 

 

Literatur

Ghada Abdelaal: Ich will heiraten! Partnersuche auf Ägyptisch
Lenos Verlag, Basel 2012, ISBN 978 3 85787 756 8, 12,50 Euro

Die fast 30jährige Pharmakologin aus Tanta, einer Großstadt im Nildelta, ist – wie viele ihrer Geschlechtsgenossinnen – auf der Suche nach einem tauglichen Ehemann. In ihrer Geschichte spiegelt sich deutlich die Zwiespältigkeit der ägyptischen Gesellschaft von heute. Einerseits ist sie modern genug, dass junge Frauen studieren, als Akademikerinnen arbeiten und ihr alltägliches Leben mit anderen in einem Blog teilen, andererseits ist sie immer noch so erstarrt in Traditionen, dass es für eine Frau von 30 nichts Dringenderes gibt, als endlich unter die Haube zu kommen.

Ghada Abdelaal hat bereits 2008 begonnen, ihre Gedanken und Erfahrungen rund um die Suche nach einem Ehemann auf ihrem Blog „wanna-b-a-bride“ zu veröffentlichen. Nachdem er nicht nur bei betroffenen Frauen großes Aufsehen erregte, wurden ihre Text zunächst in Ägypten als Buch veröffentlicht. Die vorliegende deutsche Ausgabe ist eine Neuauflage des bereits 2010 erschienenen Buches.

Ghada Abdelaal beschreibt, wie sie und ihre Familie sich bemühen, über Freunde, Bekannte und Heiratsvermittlerinnen Männer kennen zu lernen, die als Bräutigam infrage kämen. Dass sie dabei an die skurrilsten Typen gerät, die man sich nur vorstellen kann, scheint eine witzige Geschichte, ist aber für die Betroffenen bitterer Ernst. Dass Ghada dabei nicht verbittert, sondern sich ihren teilweise fast schwarzen Humor erhält, ohne jedoch zynisch zu werden, macht sicher auch ihren großen Erfolg aus. Womit sie im Übrigen ganz in der Tradition der ägyptischen Filmkomödien steht. Missverständnisse, dumme Zufälle, Neid und Missgunst der Mitbewerberinnen führen ebenso zu Verwicklungen wie Halbwahrheiten und Tabus, an denen bis heute nicht gerüttelt wird. So verwundert es auch nicht, dass ihre Geschichten über die vergebliche Suche nach einem Mann, in Ägypten als Fernsehserie verfilmt wurden.

Das Buch ist auch für deutsche Leser sehr unterhaltsam, wären da bloß nicht immer wieder die Anmerkungen der Übersetzerin, die ein ums andere Mal betont, dass es „am Nil“ - anscheinend ihre Lieblingsvokabel - eben so oder so ist.

Ulrike Askari

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Jalid Sehouli: Marrakesch
akademos Wissenschaftsverlag GmbH, Hamburg 2011,
ISBN 978-3-86748-014-7, 14 Euro

Wer in diesem Büchlein einen Reisebericht der Sorte „Know how“ erwartet, wird enttäuscht sein. Nein, es handelt sich vielmehr um eine Liebeserklärung des marokkanisch stämmigen Arztes Jalid Sehouli (der eigentlich Khalid heißt) an die traumhafte Stadt im Süden Marokkos und an das Leben an sich.

Wie auch der Untertitel des Buches „Viele Geschichte in einer Geschichte oder die besondere Geschichte von der Pastilla“ bereits sagt, erzählt Sehouli der marokkanischen Tradition der Geschichtenerzähler angelehnt viele kleine Gesichten, die sich am Ende zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Jede Erzählung beginnt dabei mit den Worten „... und die Sonne in Marrakesch und überall woanders geht unter, und die Sonne in Marrakesch und überall woanders geht wieder auf …“

Aber was dann folgt, hat wenig mit der marokkanischen Erzähltradition zu tun. Es sind Sehoulis Gedanken zu Freundschaft und Liebe, zu menschlichen Kontakten, zu Beziehungen zu Orten und Städten, insbesondere zu Marrakesch und Berlin, zu seinen Patienten.

„Liebe ist mehr als nur ein Wort – sie ist das Höchste, was wir als Menschen erreichen können.“ (S. 49)

Etliche Geschichten sind durch die Lebensgeschichten von Freunden und Patienten inspiriert, etwa die der Malerin Gala und ihres Mannes Sascha oder die über seinen Freund Ahmed, der zum zweiten Mal Vater wird und befürchtet, er könne sein zweites Kind weniger lieben als das erste.

Sehouli lässt den Leser teilhaben an seinen Gefühlen, er zensiert nichts, öffnet sein Herz wie ein Buch, in dem jeder lesen kann – und nimmt den Leser mit bei seiner Freude, seiner fast übergroßen Lebensfreude, seiner Dankbarkeit und Ehrfurcht vor dem Leben und denen, die es uns geschenkt haben und seinem großen Respekt vor Krankheiten, die wir bekämpfen können und deren Ende wir schließlich mit Würde akzeptieren sollen.

Am Ende lädt uns Sehouli ein zu einer sinnlichen Erfahrung von Marokko und Marrakesch mit 5 Varianten des traditionellen marokkanischen Gerichtes Pastilla. Und Hans Georg Hoffmann, der Mann einer Patientin nimmt uns mit zu einer Streiffahrt durch Sehoulis Leben.

Ein ungewöhnliches, schönes und lesenswertes Buch, das nicht nur für Marokko-Fans geeignet ist.

Ulrike Askari

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© Al-Maqam, Zeitschrift für arabische Kunst und Kultur, 3, 2006

Naguib Mahfuz, Copyright: Unionsverlag, ZürichDer Vater des ägyptischen Romans
Zum 100. Geburtstag von Nagib Mahfouz am 11.12.1911

Ulrike Askari

Am 11. Dezember wäre Nagib Mahfouz, der berühmteste arabische Schriftsteller, 100 Jahre alt geworden. Er starb am 30. August 2006, kurz vor seinem 95. Geburtstag. Im Laufe seines für arabische Verhältnisse ungewöhnlich langen Lebens hat er so manchen Wandel miterlebt, den er auch in seinen Werken verarbeitet hat.

Den kompletten Artikel können Sie als pdf-Datei hier herunterladen.

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Großes Interesse an irakischen und palästinensischen Autoren
Arabische Literaturtage in Hamburg

Ulrike Askari

Vom 16.-19. November fanden in Hamburg die arabischen Literaturtage statt. Sie wurden veranstaltet vom Arabischen Kulturforum Hamburg e.V. – Prof. Dr. Fathi Franzmathes, Vorsitzender des Vereins, hatte in unermüdlicher Arbeit die Organisation übernommen – , in Kooperation mit dem Literaturhaus Hamburg und dem Goethe-Institut. Vier Autoren lasen an wechselnden Orten (Literaturhaus Hamburg, Pro linguis Sprachenclub, Universität Hamburg und Fabrik der Künste) aus ihren Werken.

Angeregt waren die Literaturtage von dem im März diesen Jahres verstorbenen algerischen Schriftsteller Hamid Skif, aus dessen Werken die Schauspielerin und enge Freundin der Familie Claudia Claus las. Skif, der nach Mordanschlägen während des algerischen Bürgerkrieges in den 1990er Jahren aus seiner Heimat floh, war als Schriftsteller und Journalist tätig. In Hamburg fand er eine zweite Heimat doch Algerien hat ihn nie verlassen. „Algerien bewohnt mich, wo auch immer ich wohne,“ sagte er selbst. In Erzählungen, Romanen und Gedichten ergriff er als „Anwalt ohne Robe“ „für die Ausgeschlossenen, für die Marginalisierten ..., für all diejenigen, für die keiner das Wort ergreifen will: für Frauen, Kinder, für Menschen, um die sich keiner kümmert" das Wort. Dabei ist seine Sprache eindringlich wie die eines Patrick Süßkind.

Das Festival eröffnete der beduinische Schriftsteller Salim Alafenisch aus Heidelberg. Er las aus seinem neuen Buch „Die Feuerprobe“, was dann leider nur hier und da ein Abschnitt war. Wer Alafenisch aus Lesungen seiner früheren Büchern kennt, weiß, dass er aus dem Kopf – oder dem Herzen – ganze Bücher erzählen kann und es immer wieder so spannend gestaltet, dass sich der Zuhörer fühlt, als säße er im Scheichzelt und lauschte dem Erzähler der Sippe, während auf dem Feuer der Tee langsam zu kochen beginnt. Möglicherweise lag es ja an der Thematik des neuen Buches, das einen gewissen ethnologisch-wissenschaftlichen Anspruch hat, dass Alafenisch nicht so recht ins Erzählen kam oder aber an den vorangegangenen, teils recht langen Eröffnungsreden.

Erwähnenswert ist besonders die Eröffnungsrede der Hamburger Kultursenatorin Prof. Barbara Kissler, die eine große Kenntnis der Materie und gründliche Recherchen verriet. Wir hoffen, dass Frau Kissler mit dieser Rede nicht nur beeindrucken sondern ehrliches Interesse an Veranstaltungen zur arabischen Kultur zeigen wollte.

Anis Hamadeh: Die DichterDie große Überraschung am zweiten Abend war der eher unscheinbar und schüchtern wirkende Anis Hamadeh, der von vielen der regelmäßig wiederkehrenden Besucher zum Star der Literaturtage gekürt wurde. Mit großem schauspielerischen Talent trug er aus seinem Werk „Die Dichter“, einem ganz im Sinne der alten Stegreifdichtung gereimten Dichterwettstreit zwischen sieben Männern und sieben Frauen vor, der am Kalifenhof in Bagdad spielt. Mit viel Humor stellt Hamadeh 14 verschiedene Charaktere vor, die ihre Lebensphilosophien den Hörern kundtun und dabei erfährt der Hörer von heute so ganz nebenbei allerlei Interessantes und Wissenswertes über die arabische Geschichte.

Der dritte Abend im großen Hörsaal der Universität Hamburg stand unter dem Zeichen der Poesie. Die irakische Schriftstellerin Amal Jabouri, die sich besonders für den Dialog zwischen deutschen und arabischen Dichtern einsetzt (u.a. mit der Zeitschrift Diwan), trug verschiedene Gedicht vor, teils mit deutscher Übersetzung, vorgetragen von der Schauspielerin Claudia Claus. In der anschließenden Diskussion ergaben sich interessante Aspekte zum Selbstverständnis der Dichterin, die sich nicht unbedingt als arabische Dichterin sieht, sondern eher als Dichterin ganz allgemein, wobei sie jedoch ihre große Liebe für die deutsche Sprache und Dichtung nicht verleugnen konnte.

Ebenfalls aus dem Irak stammte der Autor des letzten Abends Hussein Al-Mozany. Er las aus verschiedenen Werken u.a. aus „Bekenntnisse eines Fleischhauers“ und „Der Marschländer“, in denen er autobiografisch einen Teil seiner persönlichen Geschichte und seiner Erfahrungen verarbeitet hat. Sehr eindrucksvoll war eine Passage, die im irakischen Dialekt geschrieben waren.

Allerdings waren diese nur für wenige der Feinheiten der verschiedenen arabischen Dialekte mächtigen Gäste verständlich. Nichtsdestoweniger war seine Lesung ein Hochgenuss, weil man seinen Texten deutlich anmerkt, dass die deutsche Sprache sein Handwerkszeug ist, das er aufs Vortrefflichste beherrscht. In der anschließenden Diskussion bekannte sich Al-Mozany dann auch dazu, bewusst auf Deutsch zu schreiben, wehrte sich aber dagegen, als Exilautor oder ähnlich bezeichnet zu werden. Er sei ein deutscher Autor, nicht mehr und nicht weniger.

Die Moderation an allen vier Abenden hatte die Islamwissenschaftlerin Dr. Ursula Günter, die die Musiker und die Gäste jeweils einführte und kenntnisreich die Diskussion moderierte.

Insgesamt besuchten mehr als 300 Gäste, die sogar aus Berlin, Heidelberg und Bremen angereist kamen, die ersten arabischen Literaturtage in Hamburg. Wir dürfen schon jetzt gespannt sein auf die zweiten arabischen Literaturtage.

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Nejla Huber: Ein Pfund Rosinen für die Türkei - Almanya Träume und Realität
Printsystem Medienverlag, 2011, ISBN: 978-3938295434, 13,90 Euro

Die Autorin beschreibt in diesem Buch autobiografisch ihren schwierigen Lebensweg als 16jährige Türkin, die Anfang der 70er Jahre voller Hoffnungen und Träume nach Deutschland kommt, um Geld für ihre Familie zu verdienen. Über viele Stationen wie etwa die viel zu frühe Ehe und das erste Kind sowie harte Arbeit und regelrechte Ausbeutung kämpft sie sich durch. Doch auch als schwere Schicksalsschläge wie der Tod ihres Sohnes sie treffen, gibt sie nicht auf. Sie trennt sich von ihrem ersten Mann, lernt einen anderen kennen, der Vater ihrer Tochter wird, trennt sich wieder, bis sie schließlich ihren jetzigen Lebensgefährten kennenlernt. Erst da verwirklicht sie einen weiteren Traum: Mit Tanzen ihr Geld zu verdienen, was sie dann auch über mehrere Jahre tut bis sie endlich ein Atelier für Bauchtanzkostüme eröffnet.

Nejla Huber erzählt in einfacher Sprache aber frei von der Leber weg und völlig unzensiert und offen über ihre Kindheit, die Armut, in der sie aufgewachsen ist, und die sie stark geprägt hat. Sie beschönigt nichts, wodurch das Buch gerade in seinem ersten Teil einen tiefen Einblick in die Struktur und Funktionsweise der ländlichen türkischen Gesellschaft von damals gibt. Dass sich bis heute in mancherlei Hinsicht nicht wirklich viel geändert hat, erfährt der Leser gegen Ende des Buches, wo Nejla Huber aus beruflichen Gründen öfter in die Türkei fliegt und auch ihre Tochter dort lebt.

Über ihre Erfahrungen, die sie als junges Mädchen in Deutschland macht, kann der Leser bisweilen nur entsetzt sein. Und öfter fragt man sich, warum sich sie sich denn keine Hilfe gesucht hat. Aber steht sie vielleicht dabei stellvertretend für viele „Gastarbeiter“ aus den muslimischen Ländern, und insbesondere der Türkei, die damals ja sogar per Anwerbeabkommen nach Deutschland geholt wurden? Man fragt sich an manchen Stellen tatsächlich, ob man all diese Menschen mit ihren Fragen und Nöten einfach allein gelassen hat. Und statt einer Feierstunde im Bahnhof von München mit dem Originalzug, der damals die willigen und billigen Arbeiter von Istanbul nach Deutschland holte, wünscht man sich eher eine Entschuldigung der Verantwortlichen, als hohle Reden wichtiger Politiker.

Nichtsdestotrotz zeigt uns die Autorin, dass selbst ein alleinstehendes Mädchen mit dem nötigen Willen sich durchschlagen kann – damals, als die Zeiten noch besser waren, wie sie des öfteren betont - und dabei ihren Lebensmut und ein Stück weit auch ihre Lebensfreude behalten kann.

Ich halte dieses Buch nicht nur wegen der persönlichen Lebensgeschichte von Nejla Huber für wichtig, sondern auch, weil ich glaube, dass sie stellvertretend für viele andere bisher ungeschriebene Geschichten steht und daher für besonders lesenswert ist.

Ulrike Askari

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Baha Taher: Die Oase
Uniosverlag, Zürich 2011, ISBN: 978-3-293-00433-7, 19,90 Euro

Der Roman „Die Oase“ des 1935 geborenen, ägyptischen Schriftstellers Baha Taher beschreibt aus der Sicht der Hauptakteure das Leben des Distriktkommissars Mahmoud Abdel Sahir und seiner irischen Ehefrau Catherine in der Oase Siwa Ende des 19. Jahrhunderts.

In der Zeit, in der die Briten noch als „Herrscher“ in Ägypten das Sagen haben und die Bräuche der berberischen Einwohner von Siwa noch sehr lebendig sind, ist es für Fremde unmöglich, das Vertrauen oder gar die Freundschaft der Bewohner zu gewinnen. Das Ehepaar findet sich zwischen den Fronten der sich bekämpfenden Einwohner der West- und der Ostoase wieder. In dem Wissen, dass zwei Vorgänger des Kommissars aus Protest gegen die Regierung in Kairo und Alexandria, die auf Gedeih und Verderb Steuern in Form von Datteln und Olivenöl aus ihnen herauspresst, ist Mahmoud gezwungen ebenso gnadenlos die Forderungen der Regierung durchzusetzen, womit er sich keine Freunde macht.

Doch seine Frau Catherine trägt ebenso zu dem Unglück bei, auf das alles hinausläuft. Sie missachtet das Gebot, die antiken Tempel, in denen angeblich Geister verborgenen Schätze hüten, zu betreten.Als Catherines Schwester Fiona in die Oase kommt, scheint es eine Besserung der Beziehungen zu den Bewohnern der Oase zu geben, doch letztlich nimmt das Schicksal unaufhaltsam seinen Lauf.

Baha Taher hat mit diesen Roman über eine Zeit und einen Ort geschrieben, der in der ägyptischen Kunst wie im tatsächlichen Leben eher eine Randerscheinung ist. Ohne etwas zu beschönigen, für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen oder Sympathien zu erheischen, schreibt der Autor über die Seelennöte des Kommissars, der sich mit den Schatten seiner persönlichen und politischen Vergangenheit quält, sich seiner Frau immer mehr verschließt und schließlich an seinen Gefühlen zerbricht. Catherine hat ihr eigenes Päckchen zu tragen. Sie ist wie besessen von der Suche nach einem Beweis, dass das Grab Alexanders sich in der Oase Siwa befinden könnte und sieht darüber weder die Nöte ihres Ehemannes noch ihrer Schwester noch den unglücklichen Versuch Malikas, einer Außenseiterin in der Oase, ihre Freundschaft zu gewinnen.

Bei so viel Unverständnis für den anderen und so wenig Aufmerksamkeit könnte man als Leser glatt verzweifeln. Doch weder die Akteure des Romans noch der Leser werden je in solche Gefühlsstürme gerissen, dass es zu einem tatsächlichen Gefühlsausbruch käme. Der Roman von Baha Taher bleibt bis zum Schluss merkwürdig emotionslos, fast wie ein historisches Werk. Sollten wir aber nicht eigentlich unsere Lehren aus der Geschichte ziehen? Also, die Lehre, die ich für mich aus diesem Roman gezogen habe: Leute, redet miteinander. Über alles: Eure Gefühle, eure Sitten und Gebräuche, all das, was euch stört und all das, was euch gefällt, alles, was ihr nicht versteht. Redet mit euren Nachbarn, euren Mitarbeitern, Freunden, Verwandten und vor allem mit euren Liebsten, aber auch mit den Fremden um euch herum. Dann sind derartige Dramen wie in "Die Oase" vielleicht zu verhindern.

Ulrike Askari

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Hakam Abdel-Hadi: Der hungrige Suleiman. Vom Lachen und Weinen in Palästina. ApholismA Verlag, Berlin 2010, ISBN: 978-3865750235, 15,00 Euro

Der palästinensische Journalist Hakam Abdel-Hadi, der seit mehr als 50 Jahren in Deutschland lebt, hat mit dem Buch „Der hungrige Suleiman“ sein erstes literarisches Werke veröffentlicht. Seine bisherigen Veröffentlichungen befassten sich vom wissenschaftlich-journalistischen Standpunkt mit dem Israel-Palästina-Konflikt. Mit dem „hungrigen Suleiman“ hat Abdel-Hadi ein sehr persönliches Werk vorgelegt, das autobiografische Züge trägt.

Der Schriftsteller erzählt in vielen kleinen Episoden das Leben des Suleiman Atta im Palästina zwischen 1910 und heute. Suleiman ist ein außergewöhnliches Kind, was sich erstmals darin äußert, dass er mit nur sieben Tagen gefüllte Zucchini isst. Er ist jähzornig und eßsüchtig, zu dick, um sich gern zu bewegen und so hat er als Kind keine Freunde.

In der Schule ist er nur deshalb von anderen Kindern umgeben, weil er immer Süßigkeiten dabei hat, die er freigebig mit den anderen teilt. Da die Familie wohlhabend ist, kann sie es sich leisten, ihn auf eine private Schule in Nablus zu schicken. Weil Suleiman keinen Respekt vor Autoritätspersonen hat und die Familie nach dem Tod des Vaters ihr Vermögen verliert, verlässt er die Schule vorzeitig. Er heiratet mit 16 Jahren seine Cousine Itaf, der er bis zu ihrem Tod treu bleibt. Einige Jahre ernährt er seine Familie oft mehr schlecht als recht als Gerichtsschreiber. Doch da er mit seiner Meinung nie zurückhalten kann, ist er als solcher nicht besonders erfolgreich. Außerdem zieht er es vor, sich mit Freunden im Kaffeehaus zu treffen, um sich den Wonnen des Lebens hinzugeben: gutes Essen, Arrak, Zigaretten sowie Glücksspiel. Als Vater ist er denkbar ungeeignet, da er seine Kinder mit seinem Jähzorn überhäuft, sie schlägt und demütigt und sich in keiner Weise bemüht, ihnen ein Vorbild zu sein. Die Kinder erleben ihren Vater sehr unterschiedlich, je nachdem in welcher Phase seines Lebens sie geboren werden. Sein zweitältester Sohn Hassan, der Zeuge seiner Alkohol- und Spielsucht wird, verabscheut ihn hauptsächlich, während Waddah, der jüngste Sohn, ihn wegen seiner politischen Einstellung bewundert. Suleiman ist Ausländern gegenüber offen und tolerant, wissbegierig und belesen und verteidigt sein Vaterland auch gegen übermächtige Gegner mit seiner scharfen Zunge.

Seine Frau Itaf ist für sein leibliches Wohl zuständig, was sie offensichtlich meistert, da die beiden 10 Kinder haben – in 30 Jahren Ehe – und Suleiman darauf schwört, dass das Essen nirgends besser ist als zu Hause, auch wenn er seiner Frau anfangs auf die Finger schaut und ihr Vorschriften macht, wie sie was zuzubereiten oder zu würzen hat.

Die arabische Tradition hat das Bild des Vaters bis ins 20. und 21. Jahrhundert hinein stark geprägt, was die Figur des Suleiman sehr eindrucksvoll widerspiegelt. Er ist das Oberhaupt der Familie und trifft die Entscheidungen, egal, welche Folgen sie für die übrigen Familienmitglieder haben. So beschließt er z. B. sobald sein ältester Sohn Atta mit 17 Jahren in Kuwait ist, um dort zu arbeiten, sich von ihm unterhalten zu lassen und selbst nicht mehr zu arbeiten, obwohl er erst 45 Jahre alt ist. Dabei macht er sich keine Gedanken, dass er seinem Ältesten eine Last aufbürdet, die dieser kaum tragen kann. Doch immerhin hat die vielköpfige Familie wenigstens ein kleines und nahezu regelmäßiges Einkommen, von dem sie in der Regel die ersten zwei Wochen eines Monats die nötigen Lebensmittel kaufen können. (S. 150)

Ein hinreißend geschriebene, bisweilen sehr humorvolle Reminiszenz an die alten Zeiten und insbesondere den Vater, die fast eine Liebeserklärung wäre, wenn die Figur des Vaters nicht so drastisch und schonungslos mit all ihren Schwächen und Fehlern beschrieben würde. Und ganz nebenher erfährt der Leser von den politischen Umständen, die Palästina im Laufe der Geschichte zerreibt zwischen Osmanischem Reich, Engländern und Israelis, in denen die Familie lebt, die Kinder aufwachsen, Suleiman auf der schwierigen Suche nach seinem Selbstverständnis als Mensch und Palästinenser ist.

Ulrike Askari

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Stephanie Saldana: Das Brot der Engel. Ein Jahr in Damaskus.
Irisiana Verlag, München 2010, ISBN 978-3424150728, 19,95 Euro

Die Autorin Stephanie Saldaňa erzählt von ihren z. T. sehr persönlichen Erlebnissen während eines Stipendienaufenthaltes in Syrien. Wie der Untertitel des Buches bereits sagt, hat sie ein Jahr dort verbracht, nachdem das World Trade Center fiel und nachdem die USA in den Irak einmarschierten. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, denkt man sich als Leser, und wird überrascht, wie die Autorin selbst, von der Offenheit und Warmherzigkeit der syrischen Bevölkerung.

Dass Saldaňa in Damaskus an der Universität nicht gerade das Alltagsarabisch der Syrer lernt, sondern dieses erst von ihren vielen Freunden im Basar beigebracht bekommt, überrascht dagegen nicht.

Ein wenig romanhaft wird die Schilderung bei den Erlebnissen ihrer spirituellen Suche im syrischen Kloster Mar Musa. Und erst recht nach Roman klingt die Romanze zwischen der Autorin und dem Mönchsnovizen Frédéric. Aber wer weiß, das Leben spielt eben manchmal so.

Das Buch ist wunderschön geschrieben, bringt dem Leser sowohl die Warmherzigkeit der Syrer als auch ihren Überlebenswillen bei allen politischen Wirren um sie herum wie auch ihre spezielle Lebensart ein wenig näher.

Die Wanderungen durch die Altstadt von Damaskus machen dem Leser bald Appetit, selbst einmal schauen zu wollen. Und wie es sich für ein spannendes Buch gehört, bleibt die Entscheidung Frédérics, des Mönchsnovizen, für Stefanie bis zur letzten Seite offen.

Ein gelungenes Erstlingswerk, das neugierig macht auf weitere Bücher der Autorin.

Ulrike Askari

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